Berlin, 15. September 2026. Rund 30 Verantwortliche aus Pflegekassen, Trägern und Pflegeeinrichtungen diskutierten, wie sich Sturzrisiko im Pflegealltag messen lässt und was aus der Messung werden muss, damit Versorgung entsteht. Grundlage waren 1.234 Mobilitätsmessungen aus zwölf Monaten Regelbetrieb. Die Ergebnisse liegen jetzt als Whitepaper vor.
Sturzrisiko lässt sich im Pflegealltag messen: aus einem Video von zwanzig Sekunden, in zwei bis drei Minuten, mit dem vorhandenen Personal. Die Messung findet Menschen, die weder über den Pflegegrad noch über die Sturzhistorie auffallen. Versorgung entsteht daraus erst, wenn eine Maßnahme folgt und nachgemessen wird, und genau dort reißt die Kette heute in den meisten Häusern.
2017 wurden 16,09 Prozent der Pflegeheimbewohnenden mit sturzrisikoerhöhender Medikation sturzbedingt im Krankenhaus versorgt. 2023 waren es 16,23 Prozent (WIdO Qualitätsatlas Pflege 2025). Der Wert blieb über sechs Jahre nahezu konstant, nicht weil niemand etwas getan hätte, sondern weil niemand messen konnte, was davon wirkt.
Prävention wird nach Antrag verteilt, Qualität zweimal im Jahr eingeschätzt. Beides erzeugt keine Zahl, an der sich Steuerung ausrichten lässt. Diese Lücke stand im Mittelpunkt der Konferenz.
Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, brachte es in ihrem Impuls auf den Punkt:
„Die Pflege als größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem wird in Deutschland daran gehindert, zu wirken."
Diana Theurer, CEO von LINDERA, stellte die Auswertung von 1.234 Bewohner:innen in 118 Einrichtungen vor, erstmals vermessen zwischen August 2025 und August 2026, jeweils vor jeder Maßnahme.
Die letzten beiden Zahlen sind der eigentliche Befund: Wer Prävention über Pflegegrad und Sturzhistorie steuert, erreicht diese Menschen nicht. Das Gangbild steht in keiner Akte, bis jemand eine Kamera darauf richtet.
Zu jeder Messung entstehen Empfehlungen. Für die Bewohner:innen mit Folgemessung wurden 6.652 Empfehlungen mit Status und Zeitstempel ausgewertet. 65 Prozent davon verlassen den Status „neu" nie.
Der Unterschied zwischen den Häusern ist nicht graduell. Wo regelmäßig nachgemessen wird, werden 15,8 Prozent der Empfehlungen vor der nächsten Messung umgesetzt. Wo sporadisch gemessen wird, 1,6 Prozent. Zehnfach, bei identischem Werkzeug.
122-mal war die empfohlene Maßnahme im Haus nicht verfügbar. Die am häufigsten abgelehnten Empfehlungen, vestibuläre Rehabilitation, orthopädische Einlagen und ärztliche Diagnostik, brauchen alle jemanden von außerhalb. Was die Pflege selbst in der Hand hat, setzt sie um. Was Dritte braucht, bleibt liegen. Das ist kein Motivationsproblem, sondern eine Versorgungslücke, und sie ist jetzt beziffert.
Dr. Lothar Heinrich, COO der DOREAFAMILIE, beschrieb in seinem Impuls, was aus Sicht eines Trägers dazugehört:
„Qualität entsteht erst, wenn aus Messen Handeln, aus Handeln die Überprüfung der Wirkung und daraus organisationales Lernen wird. Dafür braucht es Technologie, klare Verantwortlichkeiten und gelebte Prozesse."
Die Präventionsmittel nach § 5 SGB XI sind gedeckelt und werden nicht ausgeschöpft: 2024 gaben die Pflegekassen 0,34 Euro je Versicherten für Prävention in stationären Einrichtungen aus, bei einem Richtwert von 0,37 Euro (GKV/MD-Präventionsbericht 2025). Was fehlt, ist nicht der Auftrag, sondern die Größe, an der sich die Verteilung ausrichten lässt.
Aus der Messung entsteht diese Größe in drei Formen: ein Bedarfsprofil je Einrichtung, der Anschluss an Gruppenangebote (42,9 Prozent der Empfehlungen sind einem Gruppenangebot zugeordnet) und eine Priorisierung nach Risiko. In der Diskussionsrunde mit der Kassenseite ging es um genau diese Frage: Wie kommt Prävention vom Antrag zum gemessenen Bedarf?
Seit dem 1. Juli 2026 gelten die neuen Qualitätsprüfungs-Richtlinien für ambulante Pflegedienste. Geprüft wird deutlich stärker die Ergebnisqualität, Mobilität ist einer der bewerteten Qualitätsaspekte. In der vollstationären Pflege bleiben „Erhaltene Mobilität" und „Schwerwiegende Sturzfolgen" Ergebnisindikatoren nach § 115 Abs. 1a SGB XI.
Beide Systeme fragen, was sich beim Menschen verändert. Eine Messung im Alltag liefert dafür den Ausgangswert und Verlauf je Person, objektiviert statt geschätzt, und die Dokumentation, die die Prüfung erwartet: 6.634 von 6.652 Empfehlungen kommen mit fertigem Text für die Strukturierte Informationssammlung.
Rocco Bruhns, Pflegedienstleitung bei hesena in Leipzig, ordnete das aus der Praxis ein:
„Erfahrene Fachkräfte sagen oft, sie könnten das Sturzrisiko auch selbst einschätzen. Das stimmt auch. Für eine fachlich hochwertige Pflege brauche ich aber genau das, was die KI-gestützte Messung liefert, und deutlich schneller."
Aus der Kohorte 2025/26 leiten wir keine Sturzreduktion ab. Wir behaupten auch nicht, dass die Empfehlungen für sich genommen Stürze senken. Für die Früherkennung ohne Vorsturz liegt bislang kein Ergebnis vor. Die LINDERA Mobilitätsanalyse kann dazu beitragen, Sturzrisiken früher zu erkennen; die fachliche Bewertung bleibt beim Pflegepersonal, und sie ersetzt keine ärztliche Untersuchung.
An Pflegekassen: eine vorregistrierte Zwölfmonats-Evaluation ab 2027 mit festen Messfenstern, dokumentierter Umsetzung und einer Auswertung, die wir gemeinsam festlegen, bevor der erste Datensatz entsteht. Im Zentrum steht die Erkennung vor dem ersten Sturz.
An Einrichtungen und ambulante Dienste: Mobilitätsmessung im Regelbetrieb mit einer vereinbarten Nachmessquote, dem einzigen Faktor, der in unseren Daten den Unterschied macht. Start mit einer definierten Kohorte: Erstmessung, Maßnahme, Nachmessung nach 90 Tagen.
Whitepaper „Vom Messwert zur Versorgung"
Alle Auswertungen, Grafiken und die Stimmen von der Konferenz auf vier Seiten.
Quellen: Eigene Auswertung der Produktivdaten 26.08.2025–25.08.2026 · WIdO, Qualitätsatlas Pflege 2025 · GKV/MD-Präventionsbericht 2025 · Richtlinien des MD Bund für Qualitätsprüfungen in ambulanten Pflegediensten · Vereinbarung nach § 115 Abs. 1a SGB XI, Anlage 3