Das SIS-Themenfeld „Mobilität und Beweglichkeit" lebt von einer bewohnerindividuellen Beschreibung – von Standardtextbausteinen wird es unbrauchbar. Ab dem zweiten Halbjahr 2026 leitet die LINDERA Mobilitätsanalyse aus der Gangbildanalyse individuelle Formulierungsvorschläge für dieses Themenfeld und die Sturz-Risikoeinschätzung ab: keine Bausteinbibliothek, sondern eine Beschreibung dessen, was bei diesem Menschen tatsächlich sichtbar wurde.
„Bewohnerin ist sturzgefährdet. Mobilität eingeschränkt. Unterstützung beim Transfer erforderlich."
Fachlich falsch ist daran nichts. Nur: Dieser Satz passt auf mehrere Hundert Menschen gleichzeitig. Er beschreibt niemanden, er leitet keine Maßnahme an, und in der Qualitätsprüfung fällt er als das auf, was er ist – ein Baustein.
Es klingt so, als sei das ein Problem mangelnder Sorgfalt. Ist es nicht. Es ist ein Zeitproblem. Zwischen dem, was eine Pflegekraft beim Bewohner tatsächlich beobachtet, und einer präzisen Formulierung im Themenfeld Mobilität liegt Übersetzungsarbeit. Und die soll im Frühdienst zwischen zwei Klingelrufen entstehen.
Wenn Zeit fehlt, gewinnt der Baustein. Immer.
Die Strukturierte Informationssammlung ist das erste Element des Strukturmodells zur entbürokratisierten Pflegedokumentation. Sie erfasst in sechs Themenfeldern die Sicht der pflegebedürftigen Person und die fachliche Einschätzung der Pflegekraft. Themenfeld 2 ist „Mobilität und Beweglichkeit"; daran schließt die Risikoeinschätzung an, unter anderem zur Sturzgefahr.
Der Anspruch des Strukturmodells ist ausdrücklich nicht Vollständigkeit, sondern fachliche Individualität. Die SIS soll das abbilden, was diesen einen Menschen ausmacht – seine Ressourcen, seine Gewohnheiten, seinen eigenen Blick auf die Situation. Genau deshalb wurde das Modell eingeführt: um von der Ankreuzlogik wegzukommen.
Ein Standardbaustein unterläuft diesen Anspruch. Er erfüllt die Form und verfehlt den Zweck.
Die LINDERA Mobilitätsanalyse ist eine App-basierte Gangbildanalyse: Eine Pflegekraft filmt mit Tablet oder Smartphone eine kurze, standardisierte Gehsequenz, ohne Zusatzhardware und ohne Sensoren am Körper. Ausgewertet werden Gangparameter wie Schrittlänge, Standphasen, Kadenz und Symmetrie.
Bisher endete das mit einem Ergebnisbericht. Im September kommt der Schritt dazu, auf den Einrichtungen seit Jahren warten: Aus diesen Parametern leiten wir einen Formulierungsvorschlag in Dokumentationssprache ab – für das Themenfeld Mobilität und für die Sturz-Risikoeinschätzung.
Der Unterschied im Ergebnis, an einem illustrativen Beispiel:
Bewohnerin ist sturzgefährdet. Mobilität eingeschränkt. Unterstützung beim Transfer erforderlich.
Individueller Vorschlag aus der Analyse:
Frau M. geht selbstständig am Rollator. Die Schrittlänge links ist gegenüber rechts deutlich verkürzt, die Standphase rechts verlängert – das Gangbild ist asymmetrisch. Beim Wenden verliert sie kurzzeitig die Spur. Sie möchte weiterhin allein zur Terrasse gehen. Ansatzpunkt: Gehstrecke im Flur täglich begleitet üben, Wendemanöver mit festem Haltepunkt.
Der zweite Text beschreibt einen Menschen. Er benennt eine Ressource, ein Ziel aus Sicht der Bewohnerin und einen Ansatzpunkt, an dem eine Maßnahme ansetzen kann. Er ist im Qualitätsgespräch belastbar, weil dahinter eine Beobachtung steht und keine Kategorie.
Drei Abgrenzungen, die mir wichtig sind:
Nicht durch die Messung. Durch das, was mit der Messung passiert.
Prozessschritt |
Mit Standardtext |
Mit individueller SIS |
| Einschätzung | subjektiv, stark erfahrungsabhängig | standardisierte Gangbildanalyse als objektive Grundlage |
| Dokumentation | Baustein, der auf viele passt | bewohnerindividuelle Beschreibung zur Prüfung durch die Fachkraft |
| Maßnahmenplanung | keine Ableitung möglich | konkreter Ansatzpunkt für Mobilitätsförderung inkl. Gruppeninterventionen |
| Evaluation | „unverändert" | Verlaufsvergleich über wiederholte Analysen |
| Qualitätsprüfung | Bausteine fallen auf | nachvollziehbare Begründungskette |
Die entscheidende Zeile ist die zweite. Wer der Pflegekraft die Übersetzungsarbeit abnimmt, macht aus einer Analyse einen Prozessbestandteil. Alles andere bleibt ein Bericht in einer Ablage.
Dort, wo ohnehin dokumentiert wird. LINDERA ist in gängige Pflegedokumentationssysteme integriert, darunter Connext Vivendi und myneva heimbas. Bewohnerdaten, Benutzerkonten und Analysen werden synchronisiert, sodass keine Doppeldokumentation entsteht.
Das ist die Voraussetzung, nicht die Neuigkeit. Welche Ausbaustufe der individuellen SIS wann in welchem System bereitsteht, klären wir vor jeder Einführung konkret.
Ein Vorhaben wie dieses hat keinen Einzelverantwortlichen, und es wäre unredlich, das so darzustellen. Die individuelle SIS entsteht im Zusammenspiel von Produkt, Technik, Customer Success und Pflegepraxis – von Menschen, die sich darüber streiten, ob ein Satz im Qualitätsgespräch trägt oder nur gut klingt.
Eine Rolle im Team wechselt allerdings, und das gehört erzählt.
Menia Ettrich, gelernte Ergotherapeutin, hat die Begleitung unserer Einrichtungen über Jahre geprägt. Ihr therapeutischer Blick auf Bewegung, Ressourcen und Alltagsfähigkeit steckt an vielen Stellen in unserem Produkt – dort, wo es nicht um Messwerte geht, sondern um die Frage, was ein Mensch morgen wieder selbst können soll. Diese Handschrift bleibt. Danke dafür, Menia.
Sophia Warneke übernimmt diesen Teil der Arbeit. Sie ist gelernte Pflegekraft mit langjähriger Praxiserfahrung und arbeitet seit acht Jahren operativ mit der LINDERA Mobilitätsanalyse in Einrichtungen. Sie hat die Analyse nicht verkauft, sie hat sie durchgeführt: im Frühdienst, mit einem Tablet, bei Bewohnerinnen, die nicht immer mitlaufen wollten, und mit einem WLAN, das nicht immer da war.
Für die individuelle SIS ist diese Perspektive im Team unverzichtbar. Formulierungsvorschläge für ein Dokumentationsmodell entwickelt man nicht am Whiteboard, sondern gegen die Realität der Pflegepraxis – und dafür braucht es jemanden im Raum, der diese Realität selbst dokumentiert hat.
Im zweiten Halbjahr 2026 startet Sophia außerdem, unsere Zusammenarbeit mit der BKK firmus. Der Zusammenhang zur SIS ist enger, als er wirkt: Sturzprävention ist für eine Pflegeasse dann relevant, wenn sie gelebt und nachvollziehbar dokumentiert ist. Eine Maßnahme, die stattgefunden hat, aber nicht belegbar ist, existiert für einen Kostenträger nicht. Was in der Einrichtung Entlastung schafft – eine saubere, individuelle Dokumentation im Themenfeld Mobilität – ist gleichzeitig die Grundlage dafür, dass Prävention gegenüber Kassen darstellbar wird.
Wenn Sie eine Einrichtung oder einen Verbund führen, würde ich an Ihrer Stelle genau diese drei Fragen stellen – jedem Anbieter, uns eingeschlossen:
Wenn ein Anbieter Frage zwei nicht mit einem konkreten Text beantworten kann, ist die Software nicht das Problem. Die Einführung wird es sein.