Wir altern – mit Kraft und Würde?

Die Überalterung der Gesellschaft ist kein exklusiv deutsches Problem, sondern wird für immer mehr Länder eine Herausforderung: Im Jahr 2020 werden beispielsweise Schätzungen zufolge 36 Prozent der Japaner über 60 Jahre alt sein. Es gibt in der Landessprache sogar einen eigenen Begriff dafür: koreika shakai. Das Land behandelt alte Menschen traditionell sehr würdevoll, steht aber immer mehr unter Druck, die Ausmaße dieser Entwicklung zu bewältigen. Auch in Deutschland werden 2020 geschätzte 30 Prozent der Bevölkerung 60 Jahre und älter sein. Wie gehen wir damit in Zukunft um? Wie stellt sich die Medizin, Pflege und insbesondere die Gesellschaft darauf ein? Diese Fragen diskutieren wir regelmäßig bei unseren Meetups „Und wenn wir alle 100 Jahre werden?“ im Q Club der Deutschen Bank und nähern uns der Problemstellung aus verschiedenen Perspektiven. Eine künstlerische bietet Fotograf Thomas Kierok: Er fotografierte Menschen im Alter von 1 bis 100 Jahren und zeigt, wie persönlich und individuell das Altern sein kann.

Die älteste Frau der Welt, die Japanerin Chiyo Miyako, ist im Juli im Rekordalter von 117 Jahren gestorben. Nachfolgerin ist die 115-jährige Kane Tanaka, ebenfalls aus Japan. Beide stehen mit ihrer beachtlichen Lebensspanne stellvertretend für eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft: Wir werden immer älter. Wie wollen wir in Zukunft mit einem steigenden Altersdurchschnitt leben? Es geht dabei nicht nur um den Umgang der Gesellschaft mit älteren Menschen, sondern auch um das Individuum selbst. Es ist nicht einfach, sich selbst einzugestehen: Ich werde älter, Körper und Geist verändern sich mit mir. Darüber mit anderen zu sprechen – Familie, Freunden, medizinischen Fachkräften – erfordert viel Mut und Stärke. Zwar setzen sich Medizin und Pflege naturgemäß professionell und tiefgreifend mit dem Altern auseinander, das individuelle Schicksal bleibt dennoch stets ein sehr persönliches Thema.

Diskussionen geprägt von Emotionen

Doch wie bleibt das Leben auch in hohem Alter noch lebenswert? Wie können wir Mobilität und damit Selbstbestimmtheit möglichst lange erhalten? Das diskutieren wir in unserer Veranstaltungsreihe „Und wenn wir alle 100 Jahre werden?“ im Q Club der Deutschen Bank. Hier kommen Menschen aus Pflege, Therapie und Medizin zusammen, um sich über dieses gesellschaftlich sehr relevante Thema auszutauschen.

Der Fotograf Thomas Kierok leistet einen visuellen Beitrag zur Debatte, indem er einen anderen Aspekt dokumentiert: die sichtbaren Auswirkungen des Alterns. In seinem Projekt „100 years of life“ zeigt er Menschen im Alter von 1 bis 100 Jahren und macht auf eindrucksvolle Weise darauf aufmerksam, wie sich die Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild ausdrücken. Das macht auch deutlich, wie individuell die Betreuung von Pflegebedürftigen ist, denn jeder Mensch ist anders und hat verschiedene Bedürfnisse.

Digitale Technologin: Hilfsbereit in der Pflege

Die Pflegebranche steht vor zwei großen Herausforderungen: Mit der Überalterung der Gesellschaft steigt die Zahl der Pflegebedürftigen. Gleichzeitig mangelt es schon jetzt an Fachkräften. Digitale Technologien können hier helfen. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, dass 7 von 10 Deutschen die Digitalisierung als große Chance für die Pflege sehen. Zahlreiche Ansätze zeigen, wie das aussehen kann: In Hannover wird beispielsweise an einem intelligenten Pflegepflaster gearbeitet, dass per Sensor die Gefahren des Wundliegens erkennt und dem Personal rechtzeitig Bescheid gibt, um die Entstehung eines Dekubitus zu verhindern. Kleine Gadgets und Assistenzsysteme für die eigenen vier Wände sollen helfen, dass sich Senioren möglichst lange in ihrer eigenen Wohnumgebung bewegen können, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Das ist aus meiner Sicht einer der Schlüsselfaktoren für die Zukunft der Pflege: Natürlich ist der Blick nach Japan sehr spannend, wo Pflegeroboter bereits seit Jahren eingesetzt werden und Fachkräfte vor allem bei schweren körperlichen Arbeiten unterstützen. Doch eine noch größere Entlastung für das Pflegesystem – und auch eine Bereicherung für Senioren und ihre Familien – wäre es, wenn wir länger selbstbestimmt zu Hause leben könnten.

Das Seniorenleben wird mit zunehmenden Alter riskanter: 10 – 20 Prozent der Stürze im Alter führen internationalen Studien zufolge zu Verletzungen. 50 Prozent dieser Patienten erlangen ihre frühere Beweglichkeit danach nicht mehr zurück, 20 Prozent werden sogar ständig pflegebedürftig. Das ist nicht nur für die Senioren selbst kritisch, sondern auch für die Familie, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

Unterstützung per Smartphone

Wir tragen mit unserer Lindera Mobilitätsanalyse per App einen Teil zur Lösung bei. Wir ermitteln zusammen mit einem Fragebogen das individuelle Sturzrisiko der Senioren, um Stürzen vorzubeugen und so möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben auch in hohem Alter zu ermöglichen. Nutzer erhalten mit dem ermittelten, individuellen Sturzrisiko Empfehlungen zur Prävention. Medizinische Fachkräfte können mit diesen Maßnahmen das Risiko senken oder die passende Therapie nach Stürzen ermitteln – ein sehr wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmten Leben auch mit 100 Jahren. Und vielleicht ein paar Jahre darüber hinaus.

Wenn Sie mehr über die Zukunft der Pflege und die Möglichkeiten, moderner Technologie wie künstlicher Intelligenz für Patienten, Angehörige und Fachkräfte wissen wollen, folgen Sie uns auf Twitter. Stay tuned!

Titelbild: Matthew Bennett I Unsplash

Bilder im Text: Lindera GmbH