verwitwet, 74 Jahre alt – gestürzt. Der Anfang vom Ende – oder?

Frühlingshafte Temperaturen 2009. In Deutschland kommt zum ersten Mal richtig die Sonne raus und es ist wieder angenehm draußen zu sitzen. Meine Tante Heidi, verwitwet, 74 Jahre alt, möchte das nach einem anstrengenden Tag gerne ausnutzen, bereitet sich Tee zu und bringt alles mit einem Buch in den Garten ihres Eigenheims.

Zuvor war Sie noch mit dem Auto einkaufen, weil am nächsten Tag die Konfirmation der Enkeltochter ansteht.

Müde und vom Einkauf geschafft, überlegt Sie, dass Sie noch einmal schnell auf Toilette gehen möchte; nicht, dass Sie direkt wieder aufstehen muss, wenn Sie einmal sitzt. Also läuft Sie schnellen Schrittes durch das Wohnzimmer in Richtung Hausflur. Hier müssen drei kleine Stufen erklommen werden…

… und schon ist es passiert. Das rechte Bein wird nicht richtig hochgezogen, vermutlich vor lauter Müdigkeit, bleibt sie an einer Stufe hängen und Heidi stürzt genau auf das Hüftgelenk. Heidi kann weder aufstehen noch sich bewegen. Das Telefon liegt mitsamt Buch und Tee draußen im Garten und einen Hausnotruf hat es bisher schlicht keinen Nutzen gehabt, da Elisabeth noch sehr fit war zu dem Zeitpunkt.

Die obere Wohnung ist zu dem Zeitpunkt seit Jahren schon an eine befreundete Familie vermietet. Trotzdem hört sie zunächst niemand. Nach etwa 1,5 Stunden andauerndem Rufen nach Hilfe wird der Mieter von oben aufmerksam, kommt in die Wohnung und findet die völlig entkräftete Dame.

Sofort wird der Rettungswagen bestellt und Heidi kommt ins Krankenhaus. Nach einer Röntgenaufnahme der Hüfte ist klar, dass Sie sich eine Splitterfraktur des Oberschenkels zugezogen hat, welcher sofort operativ versorgt werden muss.

In dieser Operation wurde der Oberschenkel wieder zusammengeflickt, hier fängt allerdings die Leidenszeit erst an. Heidi liegt drei Wochen in einem Krankenhaus, muss danach weitere sechs Wochen in der Reha verbringen. Von jetzt auf gleich neun Wochen weg von zu Hause. Unzählige, schmerzhafte Versuche wieder richtig Laufen zu können…und bis heute hat meine Tante Schmerzen beim Laufen und kann nur sehr geringe Strecken gehen.

Nach dem Reha-Aufenthalt werden weitere 1,5 Jahre regelmäßige Krankengymnastik verschrieben, aber wie bereits beschrieben, hat Heidi nie wieder „normal“ laufen können wie davor.

Im Haushalt brauchte Sie lange Zeit Unterstützung, welches von einem Pflegedienst übernommen wurde. Der MDK hat damals Pflegestufe 1 bewilligt. Die Aufrechterhaltung des Gartens, der Haushalt mit Wäsche, Kochen und saubermachen und alle weiteren Aktivitäten des täglichen Lebens waren nun mit einem großen Aufwand verbunden und es musste viel mehr Zeit seitens meiner Tante dafür eingeplant werden. Das Autofahren musste Sie schweren Herzens zusätzlich aufgeben.

Nach acht Jahren unter diesen Umständen hat sich Elisabeth in diesem Jahr schweren Herzens dazu entschlossen das Haus zu verkaufen und ins Altenheim zu gehen.

Eine Geschichte, wie sie tausende deutsche Familien über Weihnachten beschäftigt hat. Was machen wir mit Oma? Was ist, wenn Tante Ursula noch mehr Hilfe benötigt? Wie lange können wir Opa Bernd noch in seiner Wohnung lassen. Sollen wir Luise zu uns holen oder doch besser ins Heim?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Jede Familie ist anders. Jede hat andere (Lauf-)Distanzen, Stärken und finanzielle Mittel. Fest steht, Stürze sind in vielen Familien der Anfang vom Ende. Sid sind der Weg in ein immer weniger selbstbestimmtes und mobiles Leben. Was können wir also tun? Die Antwort ist einfach – und doch ungewohnt: Prävention.

Beim Thema Rauchen ist uns völlig klar, dass wir damit am besten gar nicht anfangen. Doch wie geht Sturzprävention? Wie fallen Senioren nicht so oft und weniger schlimm? Sollen wir Oma, Tante, Opa und alle Onkel jetzt mit Hüftairbags und Schaumstoffen ausstatten?

Sturzprävention beginnt mit der Analyse der Risikofaktoren für jeden einzelnen. Diese Analyse, auch medizinisch geriatrisches Assessments genannt, ist seit Jahrzehnten tief erforscht, erprobt und geschätzt. Stürze lassen sich nur vermeiden, wenn wir die individuellen Risikofaktoren kennen und Maßnahmen dagegen ergreifen.

Bei meiner Tante haben wir dies versäumt. Sie war ja noch „fit“ – hatten wir gedacht. Dabei stürzen mehr als 30 Prozent der Ü65 Jährigen mindestens einmal im Jahr, bei Ü80 sind es schon 50 Prozent.